Einsamkeit im Alter
Gefühlsgarten

Älterwerden, Weisheit und das große Ganze

Ich besuchte meine alte Freundin. „Alt“ sage ich, weil wir uns schon seit ungefähr fünfunddreißig Jahren – wenn nicht mehr – kennen. Und sie ist dreizehn Jahre älter als ich, nämlich siebenundsiebzig. Mit ihrem trockenen Humor, den ich an ihr so liebe, erläuterte sie mir, warum sie gerade begonnen hat, sich von vielen ihrer gesammelten Dinge zu trennen.

„Ach, Friederike, weiß ich denn, ob ich morgen aufwache und schon tot bin? Das kann uns doch jeden Tag treffen, habe ich mir überlegt. Und damit mein Sohn nicht einfach alles einem Nachlass-Entrümpler übergibt, schenke ich lieber jetzt die schönen Dinge meinen Freundinnen und Freunden, die jünger sind als ich und die sich darüber freuen werden.“

So bekomme ich einen hübschen Beistelltisch zurück, den ich vor vielen Jahren einmal ihr geschenkt hatte. Wir sitzen auf ihrem kuscheligen Sofa und stellen fest: wir kommen in das Alter, in dem wir deutlich mehr über die Endlichkeit unseres Körpers nachdenken und offen sprechen.

Neue Prioritäten

Wir sprechen über Schmerzen in den Knien, in der Hüfte, manchmal in den Fingergelenken. Wir denken darüber nach, dass wir Zeitdruck überhaupt nicht mehr ausstehen können und dass wir es genießen, die Dinge langsam zu machen. Meine Freundin hat bis jetzt noch zweimal wöchentlich in dem Büro eines guten Freundes ausgeholfen, weil es ihr Spaß gemacht hat.

Jetzt macht es ihr nicht mehr so viel Spaß und sie denkt darüber nach, ob sie nicht lieber ehrenamtlich anderen, noch viel älteren Menschen, die in einem Seniorenheim auf ihren Sesseln festsitzen oder gar nicht mehr aus den Betten kommen, Geschichten vorliest oder einfach mit ihnen spricht, um ihnen die Einsamkeit zu vertreiben.

Einsamkeit im Alter

Ja, die Einsamkeit. Eine Krankheit die uns mehr und mehr befällt, junge Menschen und alte Menschen. Einsamkeit ist eine schlimme Krankheit, schreibt der Psychologe und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer in seinem neuesten Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit – schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ ( 2018, Droemer Verlag). Einsamkeit finden wir überall, nicht nur bei alten Menschen. Aber die Gefahr im Alter einsam zu sein ist ziemlich groß, wenn wir nicht rechtzeitig die Augen aufmachen und dahin schauen, was auf uns zukommt.

Eine meiner jüngeren – ebenfalls langjährigen – Freundinnen sagte vergangene Woche zu mir, als ich das Thema anschnitt: „Oh, da muss ich aber aufpassen, ich habe außer meinen beiden alten Schulfreundinnen nur deutlich ältere Freundinnen! Wenn die alle vor mir sterben, bin ich ja ganz allein….“ Um nicht im Alter schmerzlich einsam zu sein können wir rechtzeitig dafür sorgen, gute soziale Kontakte zu knüpfen und sie zu pflegen und zu lieben. Nicht alle haben freundliche und fürsorgliche Kinder. Manche haben gar keine Kinder.

Aber Freundschaft, echte Freundschaft kann genauso wertvoll sein, wie Kinder zu haben. Echte soziale Beziehungen zu haben vertreibt die Einsamkeit.

Gesundheit im Alter

Immer mehr Menschen werden sich rechtzeitig bewusst, dass es ein Leben jenseits des Lebens-Sommers und des -Herbstes gibt. Allzumal, da wir alle immer älter werden. Neunzig und sogar hundert Jahre alt werden immer mehr Menschen. Mein Schwiegervater ist neunzig und quietschfidel, er beginnt seinen Tag mit Singen und summt den ganzen Tag vor sich hin. Meine älteste Freundin in dem griechischen Bergdorf auf Samos, wo ich im Sommer meine Life in Balance Seminare gebe, ist gerade fünfundneunzig Jahre alt geworden.

Sie sagt in jedem fünften Satz zu mir: „Die Gesundheit, ja, die Gesundheit ist das wichtigste Gut. Wenn wir die Gesundheit haben, haben wir alles. Wenn du alles hast, aber keine Gesundheit, ist alles nichts.“ – “Nun ja“, antworte ich ihr dann immer wieder: “ die Gesundheit und die Liebe! Was hättest du, wenn du nicht deine lieben, fürsorglichen Kinder und deine liebe Schwiegertochter Anna hättest?“ – “ Ja,“ stimmt sie dann zu: „…und die Liebe.“

Unser Wohnprojekt-Freund Rudolf hat uns erklärt, dass er hundertacht Jahre alt zu werden gedenkt. Er befasst sie sehr intensiv und auch lehrend mit der Gesundheit im Alter und macht selbst täglich jede Menge gymnastischer Übungen. Er stuft seine Gesundheit auf die eines Fünfundvierzigjährigen ein.

Neue Wohnformen im Alter

Ja, unser „Wohnprojekt“ ist auch so eine Vorbereitung auf das Alter. Wir sind sieben Frauen und zwei Männer, die sich zum zusammen Wohnen und „Gemeinsam Älter Werden“ in einem neu errichteten, öffentlich geförderten, baugenossenschaftlichen Haus zusammen getan haben. Ich bin mit vierundsechzig Jahren die jüngste Mitbewohnerin und noch voll berufstätig. Rudolf ist mit seinen dreiundsiebzig Jahren unserer Ältester. Jedes Mitglied hat eine eigene Wohnung, jeweils drei Wohnungen gibt es auf einer Etage.

Wir treffen uns regelmäßig im Treppenhaus und gezielt im Gemeinschaftsraum, um die Neuigkeiten des Monats und neue Pläne zu besprechen. In wechselnder Zusammensetzung gehen wir zu Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Veranstaltungen aller Art. Eine unserer Damen ist Expertin darin, herauszufinden, wo Kunst und Kultur zu geringen Preisen oder ganz kostenfrei angeboten wird, und da gibt es in Hamburg wirklich viele Möglichkeiten. Das ist wertvoll, denn fast ausnahmslos haben alle kleinste Renten.

Unser „Gemeinsam Älter Werden“-Projekt ist heiter, beruhigend und wird sich wohl noch mehr bewähren, wenn wir mehr die Hilfe und Unterstützung von einander brauchen werden. Diese versprochene gegenseitige Fürsorge gibt Geborgenheit und entlastet die erwachsenen Kinder, die ja ihr eigenes Leben haben. Manche von uns erfreuen sich auch schon des Oma-seins. Bei mir wird das wohl noch ein paar Jahre dauern. Solche Wohnprojekte werden für viele Menschen, die sich achtsam auf das Älter und Altwerden vorbereiten, immer attraktiver und sind keine Seltenheit mehr.

Das Alter kommt gewiss

Denn eben noch waren wir mitten im Lebensstress, fünfzig, fünfundfünfzig und plötzlich sagt einer zu dir „ältere Dame“. Wow! Und Du merkst, oh, fast schon fünfundsechzig, Rentneralter. Dabei fühle ich mich – nicht anders als Freund Rudolf – so frisch wie mit fünfzig und da fühlte ich mich wie vierzig. Nun gut, die Denkerfalte auf der Stirn und die beiden Falten rechts und links von den Mundwinkeln abwärts haben sich schon nachhaltig eingegraben und keine noch so teure Q10 plus Anti-Aging Creme wird sie auch nur mildern – teure Lüge der Eitelkeit – aber der lebensfrohe Gesichtsausdruck ist schließlich das echtere Schönheitsmittel!

Ich gebe unter anderem Life in Balance Seminare und wäre ein schlechtes Vorbild, würde ich nicht der Muße das Wort reden. Ja, ich mache alle Dinge mit mehr Bedacht, langsamer, lege meine Termine so, dass immer wieder genügend Pausen meiner Erholung dienen. Ich mache morgens meine Dehn- und Streckgymnastik, um meinen Körper beweglich zu erhalten und, wenn es passt, mein Halbstunden-Mittagsschläfchen. Eine große Wohltat und auf der Liste der Resilienzmethoden für Spitzensportler auf oberem Listenplatz.

Das Glück der Langsamkeit

Langsamkeit lässt uns Dinge gründlicher machen, lässt uns genauer hinschauen und wahrnehmen. Fehler entstehen, wenn man Dinge ganz schnell mal eben macht. Dinge langsam und achtsam zu machen ist weise. Das entspricht zwar nicht dem immer schneller taktenden Rhythmus unserer Leistungsgesellschaft, aber da trete ich bewusst auf die Bremse. Nein, ich lasse mich nicht mehr drängen! Statt zu funktionieren frage ich: wozu ist das gut? Muss das sein? Brauche ich das?

Ich muss nicht mehr so viel Geld verdienen, um dann möglichst viel zu konsumieren. Lieber konsumiere ich weniger und das aber mit Genuss. Die Langsamkeit erhöht die Wachsamkeit für die Gegenwart und das Glück, das darin liegt. Schau, wie diese Möwe fliegt, wie sie dort oben segelt! Schau, unser Löwenmäulchen hat neue gelbe Blüten bekommen! Schau, wie die Sonne mit den Büschen Schattenspiele treibt!

Die Gegenwart ist die einzige „Zeit“, die es gibt. Die Vergangenheit existiert nicht mehr – außer wir erinnern uns kurz daran oder schreiben sie in Bücher.

Und die Zukunft existiert noch nicht. Wir können Fäden in die Zukunft spinnen und aus Träumen und Wünschen Ziele und Pläne schmieden, aber alle Schaffenskraft entfaltet sich in der Gegenwart. Es ist weise, die Gegenwart zu achten und wahrzunehmen und auch beizeiten Vorkehrungen für eine altersgerechte Zukunft zu treffen. Wenn wir erst alt sind, gilt es nur noch die Gegenwart zu genießen, denn sie schenkt uns das Leben, die Lebensfreude, von der wir dann bald Abschied nehmen müssen.

Lebt echt!

„Ihr Jungen“, möchte ich rufen, „Übertreibt es nicht mit der Anbetung körperlicher Schönheit! Macht nicht so viele Selfies, seid nicht so stylisch, sondern lernt mehr die Schönheit der Natur, des Lebendigen um Euch herum wahrzunehmen. Liebt einander mehr!“ Denn das ist der Weg, der vor Einsamkeit schützt.

Nicht Geld noch die ideale Figur, noch finanzieller Reichtum wird euch vor der Einsamkeit bewahren. Und auch euch schlanken, bodygestylten Schönen wird irgendwann der Rücken, der Nacken schmerzen, das Gesicht Falten entwickeln. „Du sollst nicht funktionieren – für eine neue Lebenskunst“ heißt das kluge kleine Buch von Ariadne von Schirach (2014, Tropen Verlag).

Da denkt die aus meiner Perspektive junge Autorin (Jahrgang 1978) nach, was sie wohl dem klapprigen alten Herrn am Totenbett sagen wird, wenn er fragt: „Nun, wie war dein Leben?“ Aus dieser Perspektive ergeben sich weisere Antworten als aus dem angestrengten Bemühen so zu funktionieren, wie „man“ zu sein hat.

Lebt echt! Lebt authentisch! Sucht immer wieder neu nach Antworten auf die Frage: Wer bin ich? Und was habe ich zu geben?

Je mehr ich mich dem Alt sein nähere – und komischerweise geht das scheinbar immer schneller – desto mehr habe ich das Bedürfnis mit Weisheit auf das Leben, die Menschen und mein eigenes Da-Sein zu schauen. Mehr einen Blick von oben oder draußen, aber dann auch wieder ganz bewusst mittendrin. Fühlen, genießen, lachen, einfach bewusst gehen, solange ich noch gehen kann.

Das große Ganze

„Das Leben ist ein Vorgang, der überall das Beständige aufbraucht, es abträgt und verschwinden lässt, bis schließlich tote Materie, das Abfallprodukt vereinzelter, kleiner, kreisender Lebensprozesse zurückfindet in den alles umfassenden ungeheuren Kreislauf der Natur selbst, die Anfang und Ende nicht kennt und in der alle natürlichen Dinge schwingen in unwandelbarer, todloser Wiederkehr.“, schreibt die Philosophin Hannah Arendt (aus: „Philosophie der Arbeit“ , suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2201, 2017).

Meine älteste Coachee ist eine heute zweiundsiebzigjährige Frau. Sie war bis vor Kurzem noch voll berufstätig und hat ihre Berufung gelebt. Sie war Psychotherapeutin und ist mir ein Vorbild geworden in ihrem Bemühen um das bewusste Älterwerden und alt werden. „Ich bin neugierig wie das ist, alt zu sein“, sagte sie zu mir.

In unseren Sitzungen besprachen wir ihre Beobachtungen, suchten, fanden und erlösten tiefer liegende Besorgnisse für bestimmte Erfahrungen und immer wieder sagte sie: „Ach, ich bin so glücklich!“ Darum geht es, glaube ich: immer wieder bewusst weiter zu schauen, was da ist und das Leben dankbar zu fühlen, so wie es sich gerade zeigt.

 

4 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Artikel, auch weil ich darin namentlich erwähnt bin – ich bin nämlich jener Rudolf. Ergänzend dazu möchte ich sagen, dass ich im August 76 geworden bin und nicht nur täglich gymnastische Übungen mache, eigentlich überhaupt keine, sondern zielgerichtet täglich einen therapeutischen Yoga nach Krishnamacharya praktiziere, meditiere, Krafttraining zum Erhalt der Muskeln mache, auf dem Fahrrad-Ergometer aktives Herz-Kreislauftraining praktiziere, Trampolinschwingen auf einem therapeutischen Minitrampolin von Bellicon zwecks Sturzprophylaxe, Koordination und Verstärkung des Lymphflusses betreibe, mich gesund ernähre ohne dem Biowahn verfallen zu sein gesund und ausgewogen ernähre, und achtsam durch den Tag gehe: flexibel, neugierig und offen für Neues. Dem wären noch dutzende Dinge hinzuzufügen, aber das würde hier zu weit führen. Wer aus diesen Zeilen meint, ich wäre ein Asket, irrt sich gewaltig, denn ich lebe viele Facetten eines sehr spannenden Lebens.
    Wer Interesse hat und mehr wissen will, kann mir sehr gern eine E-Mail schicken: rudolfo42@gmx.de
    Nach Arthur Schopenhauer ist Gesundheit nicht alles, aber ohne Gesundheit alles nichts. Und das gilt für jedes Lebensalter!
    Gesund zu leben macht sogar Spaß!

  2. Was für ein schöner und zum Nachdenken anregender Beitrag.
    Ich habe nun noch einige Jahre vor mir, bis ich mich dem Rentenalter annähere. Doch habe ich in den letzten Jahren auch bei mir zwei Entwicklungen wahrgenommen:
    1. Die Zahl meiner Freunde und Beziehungen hat sich enorm reduziert – nicht zuletzt auf Grund hohen Arbeitsaufkommens. Doch auch auf Grund der Feststellung, dass tiefere Werte nicht mehr zusammen passten.
    2. Ich habe begonnen mir immer wieder Zeiten bewusst zu nehmen um Zeit zu haben. Nur für mich. Einfach auf dem Balkon die Sonne auf der Nasenspitze kitzeln lassen. Meinen Atem spüren. Mich wundern, wie so etwas wundervolles wie die Blätter des Baumes, durch den mich die Sonne kitzelt überhaupt entstehen können. Und dankbar sein, für das Leben, dass wir genießen dürfen – wenn wir es wollen.

    Ich bin sehr gespannt, wie es sein wird, alt zu werden.
    Jetzt, mit 42 bin ich gerade dem Wunder des Vater seins ausgeliefert und tanze regelmäßig von Begeisterung zu grenzwertiger Überbelastung meines Nervenkostüms und wieder zurück. Was ich dabei bereits alles lernen durfte und welche Hochachtung für meine eigenen Eltern dabei aufkam, kann ich hier gar nicht beschreiben.

    Jedenfalls durfte ich lernen, dass die Entwicklung, die wir machen, plötzlich Sprünge auf ganz neue Ebenen vollführen kann. Was in mir die Frage aufbringt, ob der Tod vielleicht wirklich nichts weiter ist, als eine weitere Entwicklungsstufe… Baby – Kind – Erwachsener – Vater – Großvater? – Körperloser??
    Und wie viele Wunder noch auf uns warten?

    Euch noch eine erholsame Nacht 😉

    Holger

    1. Liebe Holger,
      danke für Deinen anregenden Kommentar! Und erst einmal Glück und Segen für Dein junges Vater-sein! – Ja, mir erscheint es auch so wie Du beschreibst, dass sich das Leben wie in Sprüngen fortbewegt, Stufen, plötzlich befinden wir uns auf einer neuen und die Perspektive auf das Leben hat sich geändert. Sicher kennst Du das so trefflich-feine Gedicht von Hermann Hesse: „Stufen“, wo er das ausdrückt:
      „Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
      dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
      blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
      zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
      Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
      bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
      um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
      in andre, neue Bindungen zu geben…“

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.