Kolumne Cornelia Harms

Kolumne #003 – Barfuß im Café oder warum zwei nackte Füße so vielen Angst machen

Nun ist es schon das zweite Mal passiert. Innerhalb von vier Wochen. Beim ersten Mal hat man uns tatsächlich von der Terrasse geworfen. Mich, weil ich barfuß war. Meine Freundin, weil sie ihren Hund dabei hatte. Und gestern hat ein Kellner mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich Schuhe anziehen muss, wollte ich weiter auf seiner Terrasse sitzen.

Wohlgemerkt, wir sprechen hier von Terrassen. Freiluftflächen. Die eine am See, die andere in der Stadt. Nicht von piekfeinen Lokalen, für die man sich schön macht, um einen Abend in Eleganz zu genießen.

Was mag wohl in den Menschen vorgehen, wenn sie so reagieren, habe ich mich gefragt? Wieso reagieren sie in einer solch spürbaren Intensität, ja fast Aggressivität auf ein paar bloße Füße? Ich erwähne hier nur der Vollständigkeit halber, dass diese auch noch gut gepflegt und mit ordentlich lackierten Fußnägeln versehen waren. Und ja, auch frisch gewaschen. 😉

Wenn Menschen so intensiv reagieren, hat sie meistens etwas im tiefsten Innern berührt. „Getriggert“ nennen wir das beim Coaching – also ein altes Glaubensmuster beziehungsweise eine Überzeugung so sehr ins Wanken gebracht, dass diese Menschen dann sozusagen „außer sich“ sind. Wer nun aber außer sich geht, der steckt nicht mehr in sich drin – und reagiert dann oft völlig über.

Was habe ich getriggert in diesen Menschen? Passt das nicht in ihr Bild der Ordnung? Bin ich außerhalb dessen, wie etwas zu sein hat? Lebe ich vielleicht sogar einfach zu viel Freiheit und bin ich für diese Menschen vielleicht sogar einfach zu sehr ich?

Denn damit umzugehen, dass jemand einfach der ist, der er ist, scheint vielen echte Probleme zu bereiten. Wenn jemand plötzlich nicht mehr ins Muster passt und seine eigene Überzeugung lebt, kommt man an die Grenzen des bisherigen Lebens. Gerade, wenn man sich schön in einer Schublade eingerichtet hat und da eigentlich gar nicht mehr raus will.

Und dann kommt einfach jemand und macht etwas anders. Nimmt sich Freiheiten, wo man sie sich doch eigentlich gar nicht nehmen darf – so zumindest die Ansicht in der Schublade. Da ist plötzlich jemand, der das lebt, was er selbst denkt und fühlt – in dieser schön eingerichteten  Komfort-Schublade undenkbar! Ein Skandal geradezu!

Denn dann müsste man ja vielleicht mal über sich selbst nachdenken, wenn man jemanden sieht, der so bei sich ist. Dann müsste man vielleicht mal anfangen, Dinge zu hinterfragen oder sich vielleicht sogar eine eigene Meinung bilden.

Und dann, ja dann könnte es sogar sein, dass da innerlich diese klitzekleine Flamme aufflackert. Dieser Ruf nach der eigenen Freiheit erwacht. Dieser Ruf nach dem eigenen, selbstbestimmten Ich. Gerade diese Flamme, die man sein Leben lang mit aller Mühe zugedeckt hat. Gerade dieser Ruf, vor dem man ewig davongerannt ist und sich geflüchtet hat ins Funktionieren.

Stell Dir mal vor, alle würden das so machen. Jeder würde sich selbst leben. Jeder würde seine Einzigartigkeit entdecken und diese integrieren in seinen Alltag. Jeder würde sich innerlich frei fühlen, selbst entscheiden zu dürfen – unabhängig von dem, was andere dann über ihn denken.

Du magst nun sagen, in einer Gesellschaft braucht es doch Regeln? Natürlich, eine Gemeinschaft braucht einen friedlichen, gut organisierten Rahmen. Klar definierte, gemeinsame Werte.

Dürfen diese Werte nicht vielleicht einfach auch Freiheit und Einzigartigkeit sein? Darf man sich im friedlichen Rahmen nicht auch selbstbestimmt bewegen?

Ich jedenfalls werde weiter barfuß laufen. Weil ich eben einfach so bin. Weil ich mich eben besonders wohl fühle, wenn ich barfuß im Ballkleid bin. Wenn sich mein innerer Freiheitsgeist mit wunderschöner Eleganz vereint. Wenn ich meine Einzigartigkeit auch in meinem Sein und Tun ausdrücke.

How about you?

I love you.
Deine Cornelia

Ein Kommentar

  1. Ich bin mal barfuß durch köln Innenstadt gelaufen. Auch in Geschäften war ich so. Mich hat niemand negativ angesprochen. Sie waren wohl zu sehr mit sich selbst beschöftigt.
    Was mir Probleme bereitete,war ich selbst! Ich wurde unsicher, meinte mich verstecken zu müssen, nicht mehr vollwertig zu sein…
    Es war ein spannendes Erlebnis und gab mir viel neue Erkenntnisse über mich. So hatte ich Einiges im Selbstcoaching zu bearbeiten.

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