Persönlichkeit und Lernen Persönlichkeitsentwicklung

Joey will wachsen – und Du?

Als ich es kaufte, war es ein mageres Pflänzchen in einem kleinen schwarzen Plastiktopf. Vorausschauend und sorgsam pflanzte ich es in einen etwas größeren Tontopf um und stellte es ans Küchenfenster. Ich gab der putzigen kleinen Pflanze den Namen „Joey“.

Bald wuchs Joey kräftig und bekam dicke, glänzende, dunkelgrüne Blätter.

Doch dann kam die Krise

Eines Tages, als Joey schon mächtig gewachsen war und eine Küchengardine überflüssig gemacht hatte, begann er zu kränkeln. Einige Blätter wurden erst gelb, dann bräunlich und schließlich fielen sie ab.

Joey befand sich sichtbar in einer Krise. Ich versuchte es mit Duschen in der Badewanne und Pflanzendünger. Das half kurzfristig.

Dann entdeckte ich einen Riss im Tontopf. Wenig später sprengten die in dem zu eng gewordenen Gefäß heimlich gequälten Wurzeln die alte Behausung: Joey wollte wachsen!

Wenn die Persönlichkeit wachsen will

Sie ahnen es schon: Joey, der wirklich in unserer Küche lebt, steht als Paradigma für das in uns, was wachsen will und krank wird, wenn wir es nicht wachsen lassen: unsere Persönlichkeit.

So ist es oft eine Krise im Leben, ein Streit am Arbeitsplatz, eine Kündigung, eine Krankheit oder eine Ehekrise, die Menschen dazu zwingt sich weiter zu entwickeln.

Die alten, zu eng gewordenen Rahmenbedingungen, die alten Denkmuster und Verhaltensweisen passen nicht mehr. Und so verlangt unser Selbst, unsere tiefe innere Weisheit in uns nach Wachstum, nach neuem Raum, sowohl geistig wie auch ganz konkret in der alltäglichen Lebensgestaltung.

Oft ist es eine Krise, die uns dazu bewegt, uns weiterzuentwickeln Klick um zu Tweeten

Wie geht es weiter?

Plötzlich tauchen Fragen auf wie diese: soll ich so weitermachen? Ist das noch richtig für mich? Was fehlt mir? Wie will ich das in mir verborgene Potenzial weiter entfalten? Was könnte, was will ich Anderes oder Neues tun, um meine Begabungen, meine Fähigkeiten und meine persönliche Kreativität zum Ausdruck zu bringen?

Was habe ich vielleicht allzu lang unterdrückt, mir nicht erlaubt zu leben? Was will ich verwirklichen? Was will ich selbstbestimmt und bewusst in die Welt bringen? Wofür ist jetzt die Zeit gekommen? Wohin will ich wachsen?

Das ist der beste Zeitpunkt, um z.B. ein beyourself!-Training zu machen und bewusst die Gleise in die Zukunft zu legen. Um zu leben, was in mir ist und zum Ausdruck kommen will.

Wachstum ist ansteckend

Joey hat inzwischen einen noch größeren Topf bekommen und wächst weiter. Und dann beobachtete ich etwas ganz Erstaunliches:

Neben Joey hatte ich etwas achtlos ein Plastiktöpfchen mit einer kleinen Basilikumpflanze abgestellt. Eine von der Art, die man im Supermarkt kaufen kann, um Tomaten mit Mozzarella oder Spagetti mit selbst gehackter Pesto aus frischen Basilikumblättern zuzubereiten, und die selten länger halten als zwei, drei Wochen.

Nicht so die kleine Nachbarin von Joey! Seit er im neuen großen Tongehäuse seinen nächsten Wachstumsschub vollzogen hatte, machte es ihm die kleine Basilikumpflanze nach. Plötzlich war sie hochgeschossen und streckte lange Blütenarme aus, wie um es Joey gleich zu tun!

Und, welch ein Wunder, kam dann noch ein Dritter im Bunde dazu!

Ich konnte es kaum fassen: weil ich es nicht fertiggebracht hatte, die alte Amarillis vom letzten Weihnachten wegzuwerfen, obwohl sie längst keine attraktiven Blüten mehr hatte und die langen grünen Blattzungen schlaff nach rechts und links aufs Fensterbrett herabhingen, hatte auch diese Pflanze sich von Joey und der Basilikumpflanze zum Weiterleben und Wachsen entschieden und hatte noch einmal ganz neu zugelegt!

Gemeinsam Wachsen

Nun schlängeln sich die langen, dünnen, dunkelgrünen Blattzungen zwischen den kräftigen Armen von Joey nach oben, fast wie in einer einer zärtlichen Umarmung.

Gemeinsam wachsen ist leichter, lustiger und schöner! Klick um zu Tweeten

Und so scheint mir dieses Trio auf unserer Küchenfensterbank die Botschaft zu senden: wir unterstützen uns gegenseitig, wir wachsen gemeinsam. Und dabei bleiben wir trotzdem eine jede von uns Ich-Selbst.

Das ist mit 20, 30, 40, 50 und auch mit 60 + Jahren so: wir brauchen uns selbst, unser persönliches Wachstum, unsere ganz eigene Entwicklung und wir brauchen auch unser soziales Umfeld, unsere Familie, unsere Freunde, Menschen, mit denen wir uns austauschen und uns gegenseitig bereichern.  Gemeinsam zu wachsen – und auch gemeinsam älter zu werden – ist leichter, lustiger und schöner.

Neuer Lebensabschnitt – neue Fragen

Seit vielen Jahren habe ich als Kommunikationstrainerin und Persönlichkeits-Coach nun schon viele Menschen allen Alters begleitet und bin dabei selbst immer weiter gewachsen und – uuups: älter geworden! Seit meinem sechzigsten Geburtstag komme ich mir nun manches Mal ein wenig wie die Amarillis vor.

Auch wenn ich auf ein gepflegtes Äußeres achte – die schönste Blüte meines äußeren Aussehens habe ich hinter mir gelassen. Und so habe auch ich mir – als Frau und als Coach – neue Fragen gestellt. Nicht zuletzt auch inspiriert von den Themen älterer Coachees, die sich gerne einer älteren Coach anvertrauen.

Fragen wie: wie lange und in welcher Form werde ich meine Arbeit als Coach und Seminar-Unternehmerin noch mit Freude und Inspiration ausüben?  Wie könnte ich mein in vielen Lebensjahren gewonnenes Erfahrungswissen am besten weitergeben?  Wie werde ich im Alter leben? Solche Fragen beginnen schon ab 55+ und werden nach 60+ zunehmend wichtig.

Neue Lebensentwürfe

Die Kinder sind flügge, das Empty-Nest-Syndrom hat schon wehgetan, die Antifaltencremes stehen im Bad griffbereit, eine neue Langsamkeit und bestenfalls Gelassenheit will Raum haben. Und wir werden wählerischer, ob wir zu gesellschaftlichen Veranstaltungen zusagen oder nicht. Man beginnt über Wohn- und Lebensformen im Alter nachzudenken.

Gemeinsam älter werden

Wir, meine Freundinnen, einige Freunde, mein Mann und ich, haben uns zusammengesetzt und darüber viele Gedanken und Ideen miteinander ausgetauscht. Wir haben über Arbeitsformen im Alter von 60+ und über Wohnprokjekte diskutiert.

Neues Lernen kann in jedem Lebensabschnitt ein Projekt sein Klick um zu Tweeten

Ich glaube, dass Wachstum und auch lebenswert älter werden, sich immer weiter bewusst zu  entwickeln und gemeinsam Neues lernen ein Projekt „bis zum letzten Atemzug“ sein kann.  Ein Projekt, dem wir gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten immer neue Formen geben können. So wie Joey, Basilikum und Amarillis.

© Friederike Luise Matheis


 

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9 Kommentare

  1. Hallo Friederike ,
    vielen Dank für den tollen Beitrag! Darin finde ich mich selbst wieder. Sich immer wieder neu erfinden, nicht stehen bleiben,, offen sein für neue Ideen und neue Eindrücke, sich dann und wieder zu hinterfragen und den Mut haben, Veränderungen zuzulassen. Das ist ein guter Weg.

    1. Lieber Thomas Spitzer, danke für diesen Kommentar. Ja, streckenweise geht das mit der Weiterentwicklung leicht und wie von selbst und manchmal braucht es einen Schmerz, der uns aufwachen lässt und uns fragen lässt : Ist das noch angemessen , wie ich mich jetzt verhalte? Und dann wieder einmal eine bewusste Entscheidung für die Kurskorrektur. Herzliche Grüße !

  2. Was für eine schöne Metapher. Gemeinsam wachsen. Gefällt mir sehr gut!
    Vielen Dank für diesen wundervollen Artikel, der mich so herrlich an eines meiner Lieblingszitate:

    „Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit………..Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen wollen, geben wir unbewußt anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“
    (Marianne Williamson)

    Vielen Dank für diese Erinnerung, die mir gerade heute sehr gut tut 🙂

    1. Lieber Holger Theymann !
      Danke für den Kommentar und die Wertschätzung! Ich bin erst gerade nach sechs Wochen auf der griechischen Insel Samos – viel Licht da! – zurück und komme erst jetzt dazu zu antworten.
      Eine Form des gemeinsam Wchsens ist die von Netzwerken wie the-coach.net, aber auch eine andere Gruppe, in der ich aufgenommen wurde : Gemeinsam Älter Werden. Eine Initiative für Menschen der Altersgruppe 60+, die über andere, gemeinsame Wohnformen im Altwerden nachdenken, anstatt abzuwarten, dass sie in ein Seniorenheim kommen, wenn sie ganz plötzlich und völlig unerwartet alt geworden sind. Herzliche Grüße von Friederike

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