Bulimiefrei to go?

Warum es keine Pauschallösung für Bulimie gibt

Vor über einem Jahr habe ich mich getraut und meinen Artikel „Coaching oder Psychotherapie“ hier veröffentlicht. Das war ein krasses Gefühl damals. „Jetzt weiß jeder, was ich über Jahre hinweg praktiziert habe“, dachte ich. Und das war wahrhaftig kein schönes Bild.

Die Reaktionen zu meinem Aufruf, Langzeit-Therapie bei Essstörungen zu hinterfragen und auch andere Methoden in Betracht zu ziehen, waren wider Erwarten durchweg positiv. Vielleicht hatte ich einen Nerv getroffen. Und: wer liest nicht gerne die Story der unerwarteten Heilung?

Nach einiger Zeit ebbten die Reaktionen wieder ab und ich merkte auch, dass ich generell gar nicht wusste, wie ich bulimiekranken Mädchen und Frauen wirklich helfen könnte, sollte sich die Gelegenheit ergeben.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Klick um zu Tweeten

Also beschloss ich vor einigen Monaten, einen Blick in Essstörungsforen zu werfen und zu schauen, ob ich da nicht etwas beitragen könnte. Aus Erfahrung wusste ich ja, dass alleine etwas Hoffnung zu geben schon ein guter Anfang wäre. Naiv eröffnete ich also einen neuen Thread mit dem Titel „Es ist möglich, gesund zu werden“. Es ist erschreckend, wie viele Betroffene der festen Überzeugung sind, dass sie nie wieder gesund werden – was sich auch dort zeigte.

Das Ende vom Lied war, dass der Link zu meinem Artikel entfernt wurde und mir eine Person unterstellte, ich wolle ja nur Geld verdienen. Da war ich dann erstmal auf 180, bis ich erkannte, dass a) sie ein ganzes schönes Problem mit Vertrauen haben muss und b) ich meine Strategie ändern durfte.

Abstecher in die alte Welt

Ich habe mir ein anderes Forum gesucht und dort zwei Monate als Admin gearbeitet. Das bedeutete, sich jeden Tag einzuloggen und zu sehen, ob es neue Beiträge gibt und wenn ja, ob sich die Verfasser an die Forumsregeln halten. Nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass ich nur noch meine tägliche Pflicht erfülle und das Interesse am eigentlichen Inhalt der Beiträge dort verlor. Zugegeben war es auch ganz schön heftig, wieder in diese Welt der Verzweiflung einzutauchen.

Ein Kollege schlug mir in dieser Zeit vor, ein komplettes Buch über meine Geschichte zu schreiben, doch ich stellte immer wieder fest, dass die Herausforderung mit jedem Tag größer wurde, denn die Erinnerungen an die Krankheit verblassten kontinuierlich. Und genau an diesem Punkt dachte ich mir immer wieder:

Wie schön wäre es, das Gefühl von Gesundheit an andere vermitteln zu können Klick um zu Tweeten

Wie hast du das konkret gemacht? Was war der Turning Point?

Diese Frage wurde mir vor einigen Tagen auf Facebook gestellt. Jemand hatte meine Artikel gelesen und wollte mein „Wissen“ für einen ähnlichen Fall anwenden. Er fragte, ob es das Yoga war, das mein Bewusstsein erweitert hätte, das NLP und wenn ja, welche Übung(en), welcher konkrete Moment.

Gesundwerden ist ein Weg aus verschiedenen Schritten in eine klare Richtung Klick um zu Tweeten

Leider musste ich ihn enttäuschen. Es gab diesen einen Moment nicht. Ich bin nicht eingeschlafen und aufgewacht und war plötzlich ein anderer Mensch. Gesundwerden war die Konsequenz verschiedener Schritte, für die ich nach den vielen Jahren endlich bereit war.

4 Schritte zur Veränderung

Wie es begann? Mit dem vermutlich tiefsten Tiefpunkt meines Lebens. 30, Single, arbeitslos – und das alles war innerhalb von 2 Wochen passiert. Einige Wochen davor hatte ich mich für NLP Seminare angemeldet. Dazu kann man jetzt denken, was man möchte, in meinem Fall war es eine sehr gute Entscheidung, denn dort passierte wohl:

Schritt 1: Mein Verhalten wurde beobachtet und mir gespiegelt. Das bedeutet etwas konkreter: ich wurde durch das, was die Trainer sagten, ganz schön angetriggert. Ständig hatte ich die Hand oben und ein „Aber aber aber“ parat. „Das geht doch nicht, das kann man doch nicht, etc. etc.“

Im Nachhinein kann ich erst betonen, wie wichtig das war. Gehört und verstanden habe ich auch vorher schon einiges über mein Verhalten – es durch Beobachtung zu erleben, ist nochmal etwas ganz anderes.

Schritt 2: Innere Arbeit und Durchhalten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel beim Sitzen geschwitzt zu haben 🙂 und so viele Tage hintereinander schlecht geschlafen. In mir hat es gearbeitet, neue Weichen wurden gelegt. Auch wenn ich nicht alles verstanden oder gutgeheißen haben: ich wollte einfach nur, dass sich etwas ändert und habe weitergemacht.

Schritt 3: Einzelne, neue Handlungen integrieren – man darf ja mit kleinen Schritten beginnen. Für mich war das damals, einen Flug nach Thailand zu buchen. Arbeitslos. Das ging ja eigentlich gar nicht und gleichzeitig brannte dieser Traum in mir lichterloh. Weg, in die Sonne im Winter. Einfach mal etwas ganz anderes.

Die Prozesse, die damals in mir abliefen, kann ich heute gar nicht mehr beschreiben. Schuldgefühle, Zweifel und Angst. Bis kurz vor dem Abflug habe ich kaum jemand gesagt, wo es hingeht. Im Nachhinein ist es natürlich keine große Sache, aber jeder steckt eben in seinen Glaubensmustern fest.

Diese und jede andere kleine Entscheidung zeigten mir, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man mal von der Routine abweicht. Eine wichtige Erkenntniss im Bezug auf Essstörungen!

3b: Die Ernährung überprüfen. Diese kann mitverantwortlich sein für den Grad der Symptomatik, wie Sandra Blabl in ihrem Buch Bulimiefrei Jetzt ausführlich beschreibt.

Schritt 4: Über einen etwas längeren Zeitraum etwas anderes tun, sich z.B. auch in einem ungewohnten Umfeld aufhalten. Ich habe zuvor noch nie 2 Wochen am Stück Yoga gemacht. Auch wenn es mich jetzt nicht mit der „Quelle“ verbunden hat – geschadet hat es ganz sicher nicht.

Gesundheit beinhaltet auch Selbstverantwortung! Klick um zu Tweeten

Ist das jetzt wirklich hilfreich für andere?

Ich fürchte, höchstens zu einem gewissen Grad. Meine Krankheit, meine Gedanken, Erfahrungen, Glaubensmuster und Verhaltensweisen waren individuell. Dennoch möchte ich nochmal festhalten:

  1. Mach etwas anders als sonst (sei woanders, wenn es dir möglich ist, der Abstand zum Alltag kann anfangs sehr hilfreich sein)
  2. Mache dir bewusst, dass du gesund werden kannst. Der Satz ist natürlich auf andere Dinge übertragbar – vielleicht abgesehen von „Ich kann fliegen“ 😉
  3. Setze dich nicht unter Druck, dass du das alles alleine schaffen musst. Es gibt viele Methoden, die Motivation in dir auslösen können, wie ein Wingwave oder Hypnose (die können natürlich auch mehr, aber was dir auf Dauer liegt liegt, darfst du entscheiden)

WICHTIG: suche dir Vorbilder

Sich in Therapiegruppen über seine Gefühle auszutauschen ist am Anfang sicherlich bestärkend und ich würde es nach wie vor als Phase 1 bezeichnen, die als Grundstein von Phase 2 (den 4 Schritten) dient.

Wenn du ein Problem hast, suche dir Menschen, die es bereits gelöst haben Klick um zu Tweeten

Eben habe ich einen sehr interessanten Kommentar einer Betroffenen zu einem Buch auf Amazon gelesen: „Das Buch erzählt doch nichts neues, ich habe schon alles durch und bin immer noch krank“. Ich erzähle hier auch nichts Neues, habe kein wirkungsvolles Rezept und das muss ich auch nicht, denn:

Es ist deine Aufgabe, bleib dran!

Egal, wie schlecht es uns geht, wir dürfen selbst nach Lösungen und neuen Strategien suchen. Keiner wird uns diese auf dem Silbertablett servieren (können)! Wie beim Erlernen einer neuen Sprache oder einer Sportart, hat der Erfolg auch viel mit Dranbleiben zu tun. Dabei sind wir nicht alleine und wir müssen es auch nicht ohne Hilfe schaffen, aber wir sind selbst für uns verantwortlich.

…und am Anfang darf eine klare Entscheidung stehen – die hilft auch beim Dranbleiben.

Alles Liebe

Cathrina

 

Written by 

NLP Coach mit Schwerpunkt liebevolle Beziehungen zu anderen und einer liebevollen Beziehung zu dir selbst. Meine Einstellung: Es darf einfach sein! Ich blogge aus Leidenschaft über Themen wie Selbstliebe, Beziehungsstress und Loslassen. Mein Talent: meinen Gesprächpartnern neue Perspektiven auf ihren Situation aufzuzeigen. Standort: Regensburg

4 thoughts on “Bulimiefrei to go?

  1. Liebe Catharina,
    ein sehr schöner Artikel. Bei mir ist die Bulimie seit über 25 Jahren vorbei.
    Ich hatte wirklich genau den Moment: Ich bin morgens aufgestanden, und hatte keine Lust mehr auf Bulimie. Klingt vielleicht komisch, aber mir wurde es einfach zu doof. Zu anstrengend! Wollte den Tag lieber für was anderes nutzen… !
    Ich war in Therapie, Aktive Imagination nach C.G. Jung, und ich denke die war für mich so erfolgreich, eben weil der Fokus nicht auf die Bulimie gerichtet war.
    Es ging um Selbstfindung, wiederfinden der Licht- und auch der Schattenseiten in uns. Das tiefe Eintauchen in meine Seele hat mir den Weg zur Heilung gebracht.
    Die Bulimie war nie mehr Thema bei mir. Ich habe nie mein Essverhalten besonders verändert, ausser das ich wenns möglich ist mich gesund ernähre. Diese Ernährung hatte ich aber auch in der Bulimiezeit.

    Und wer den Weg aus der Bulimie gefunden hat, kann eigentlich nur Therapeutin oder Coach werden. 🙂
    Ganz liebe Grüsse an Dich!
    Beate

    1. Liebe Beate, auch hier nochmal vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ich habe deine Aussage auf mich wirken lassen und mir dann gedacht: Wie schön, es gibt auch Fälle, in denen sich diese „große Sache“ von Heute auf Morgen löst, das macht noch mehr Mut. Ich bin einfach überzeugt davon, dass die bewusste Entscheidung für Gesundheit maßgeblich für Heilung ist. Was es dann vermutlich leichter macht, sind Ressourcen. Also, wenn man sich z.B. über die positiven Aspekte des Lebens bewusst ist, Ziele hat oder irgendetwas, das man sich wirklich wünscht.

  2. Hallo Cathrina,

    ein wirklich schöner, authentischer Artikel. Ein Thema beschäftigt mich noch nach dem Lesen.
    Du hattest geschrieben, dass du deine Erfahrung in Foren weitergeben wolltest, andere Menschen quasi unterstützen, damit diese aus deiner Erfahrung lernen können. Das ist an sich eine tolle Sache, doch wurde es offenbar nicht so gesehen.
    Was schlägst Du als Weg vor, um deine Erfahrung am besten weitergeben zu können, ohne dass es gleich als „Geldmacherei“ abgestempelt wird. Und außerdem: Was ist so schlimm daran, mit der Weitergabe von Erfahrungen Geld zu verdienen? Das nur mal am Rande….

    Liebe Grüße
    Ben

    1. Lieber Ben, herzlichen Dank für deinen Kommentar!

      Ich finde es tatsächlich alles andere als verwerflich, für ein Hilfsangebot Geld zu verlangen. Ärzte und Psychologen dienen den Menschen auch gerne (davon gehe ich hier jetzt mal aus) und dennoch nicht kostenlos. Die in meinem Blogartikel beschriebene Situation bezieht sich jedoch auf ein Hilfsangebot von mir, das ich damals ohne jeden Hintergedanken zur Verfügung stellen wollte und wie schockiert ich war, dass dieser Versuch so negativ ausgelegt wurde.

      Mein Weg bleibt vorerst, einfach über das Thema zu schreiben und Betroffenen Hoffnung zu geben, sie aufzufordern, weiterzumachen und dabei auch ihre Eigenverantwortung nicht außer Acht zu lassen.

      Liebe Grüße
      Cathrina

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