Zu nett für diese Welt?

In den letzten Tagen habe in unterschiedlichen Gesprächen von unterschiedlichsten Menschen die Aussage gehört: „Ich bin einfach zu nett“. Es klang nicht wirklich begeistert oder zufrieden.

Es klang als wäre es ein Makel, nett zu sein. Als wäre es an der höchsten Zeit die Eigenschaft abzulegen, um ernst genommen zu werden? Als wäre es notwendig seine harte Seite zu zeigen um in unserer derben Welt zu bestehen?

Gibt es „zu nett“ überhaupt?

Meine persönliche Antwort auf die Frage, ob man zu nett sein kann, ist ganz klar: Nein – Niemals! Man kann dabei jedoch leicht den Fehler machen, dabei seine persönlichen Grenzen nicht zu wahren. Oder man ist aufgrund falscher Beweggründe nett.

Wenn Du diesen Text liest, hat dich ohne Zweifel die Überschrift auch angesprochen. Aber warum?  – Hast Du auch das Gefühl, dass es Dir letztendlich nicht gut tut nett zu sein?

Das Gute am Nett-Sein

Wie äußert sich eigentlich das Nett-Sein?  Jeder der nett ist, verfügt zweifelsohne über ganz wunderbare menschliche Eigenschaften:

  • Großzügigkeit
  • Interesse am anderen
  • Hilfsbereitschaft
  • Verbundenheit – Gemeinschaftssinn
  • Dankbarkeit
  • und wahrscheinlich noch einiges mehr
Nett-Sein äußert sich im Umgang mit anderen Klick um zu Tweeten

Zum Beispiel:

  • ist da der Kollege, der sichtlich mit seiner Tagesaufgabe überfordert ist und du hilfst ihm spontan, so dass ihr beide rechtzeitig und entspannt den Feierabend begehen könnt
  • ist da die verwitwete Nachbarin mit der du längere Zeit im Treppenhaus sprichst, weil Du weißt, dass sie so einsam ist und im Gespräch aufblüht.
  • Ist da dein Partner. Du merkst, dass er gerade unter enormen beruflichen Druck steht. Zur Entlastung übernimmst du einige Alltagsaufgaben von ihm, ohne groß darüber zu reden.
  • Deine Eltern feiern 50. Hochzeitstag und du bist so voller Dankbarkeit, dass du sie hast. Daher backst du mehrere Kuchen für die Feier, obwohl du gerade eigentlich gar keine Zeit über hast.

All diese Beispiele verdeutlichen, wie wertvoll es ist, diese Eigenschaften zu leben. Nette Gesten und Taten bringen Menschlichkeit und Wärme in unseren gemeinsamen Alltag. Ein Makel, den man ablegen sollte? Niemals! Wir brauchen sogar mehr davon!

Wann Nett-Sein zum Problem werden kann

1. Seine persönlichen Grenzen nicht wahren

Ein Grund, warum bei dem ein oder anderen Netten irgendwann Frust aufkommt ist, dass sie sich dabei selbst aus den Augen verlieren? Im sozialen Bereich kennt man den Spruch „Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch für andere sorgen!“. Diese Aussage ist meines Erachtens nicht nur im sozialen Bereich, sondern in allen Lebensbereichen zu beherzigen.

Bezogen auf die vorhin beschriebenen Situationen würdest du beispielsweise nicht ausreichend für dich sorgen, wenn du aufgrund der Tatsache, dass du deinem Kollegen hilfst oder mit der Nachbarin im Flur sprichst, Kuchen für deine Eltern backst, selbst in einen extremen zeitlichen Engpass kommst.

Wenn du dadurch deine weiteren Verpflichtungen nicht mehr, oder nicht ohne extremen Stress zu verspüren, nachkommen kannst. Oder wenn du jemanden Geld leihst und du dich dadurch selbst verschuldest, was deinem Naturell überhaupt gar nicht entspricht.

Es belastet dich auf Dauer. Die Belastung die du innerlich spürst entsteht dadurch, dass du nicht auf deine persönlichen Grenzen geachtet hast. Der andere trägt hierfür keine Verantwortung, nur du trägst sie.

2. Nicht nein sagen können

Oft sind wir aber auch nur nett, weil wir nicht nein sagen können. Weil wir nicht als ablehnend erscheinen wollen lassen wir uns zu Nettigkeits-Aktionen hinreißen, die wir zeitlich oder inhaltlich nicht guten Gewissens leisten können.

Wieso aber lassen wir uns dennoch dazu verleiten, etwas für andere zu tun, obwohl wir es gerade nicht gut mit unserem Alltag oder unserem Gewissen vereinbaren können.

3. Die „UM ZU“ –Falle

Die allermeisten von uns tappen bisweilen in diese Falle. Nett oder lieb sein,

  • um Dankbarkeit zu ernten
  • um dazu zu gehören
  • um das Gefühl zu haben unentbehrlich zu sein, eine Daseinsberechtigung zu haben
  • Um ein Recht auf Gegenleistung zu erwerben
  • um Konflikte zu vermeiden, Harmonie zu wahren
  • Um die Situation zu kontrollieren
  • um zu…..

Es ist nachvollziehbar, dass vielen ein ausgeglichenes soziales Miteinander wichtig ist. Aber ist es dafür wirklich notwendig, jedes Mal einen „Deal“ abzuschließen? – Wenn ich lieb bin, sollst du auch lieb sein?  Wenn ich was für dich tue, dann erwarte ich eine Gegenleistung? Haben wir nicht schon genug Handel im Leben?!

Vielleicht sagst du, ich erwarte ja keine Gegenleistung. Ist das so? Frag dich bitte ganz ernsthaft und mehrmals ob da nicht doch etwas ist, was du erwartest? Viele Erwartungen kommen recht subtil daher.

Irgendetwas erwarten wir immer, wenn wir nett zu anderen sind - auch wenn es keine konkrete Gegenleistung ist. Klick um zu Tweeten

Hast du in der Vergangenheit schon mal etwas für jemanden getan, und du warst überzeugt, dass du es selbstlos für den anderen getan hast und hierfür nichts erwartest.

Und doch hat sich eine Art von Enttäuschung in dir breit gemacht, weil der andere nicht angemessen reagiert hat? Welche Erwartung in dir wurde nicht erfüllt? Und war es angemessen diese Erwartung zu haben und vor allem, wusste dein Gegenüber dass er einer Erwartung ausgesetzt war?

Unausgesprochene Erwartungen können unbemerkt Druck und Anspannung im Miteinander erhöhen. Meist entlädt sich der Druck irgendwann über Konfliktsituationen.

Falls du keine konkrete Gegenleistung von deinem Gegenüber erwartest, darfst du dich fragen, was du stattdessen erwartest.

  • Brauchst du wirklich eine Bestätigung von außen, dass du dazu gehörst?
  • Ist es jetzt wirklich wichtiger einen Konflikt zu vermeiden, der möglicherweise nur darauf wartet endlich geklärt zu werden, nur weil dir momentaner Frieden wichtiger ist als Klarheit?
  • Wieso ist es dir beispielweise wichtig, eine Alltagsaufgabe für deine alten aber dennoch fitten Eltern zu übernehmen? Traust du es Ihnen nicht zu? Willst du alles im Griff haben, d.h. nicht nur deine Angelegenheiten sondern auch die Angelegenheiten anderer im Griff haben? Wenn das so ist, warum?

Du solltest nicht ungefragt Angelegenheiten an dich reißen, die nicht in deiner Verantwortung liegen und erwarte vor allem keine Gegenleistung dafür (weder bewusst noch unbewusst). 

Wenn du siehst, dass Hilfe angebracht wäre, frage vorher ob du helfen sollst und tu es dann bedingungslos.

  • Hast du Angst abgelehnt zu werden, wenn du nicht nett bist? Angst davor, dass das was du tust nie ausreicht, um vollkommen akzeptiert zu werden? –  Du ahnst es schon, diese Angst kann dir nicht von außen genommen werden.

Wenn du die Bestätigung von außen suchst, unterwirfst du dich selbst dem Urteil anderer, die möglicherweise gar keine Lust darauf haben, über dich zu urteilen.

Oder sie entscheiden heute so über dich und morgen so. Willst du das?  – Dich selbst in Frage stellen und die Antwort darauf von anderen abhängig machen? – Klingt absurd, oder?!

Schenke Mitmenschlichkeit – bedingungslos aber bewusst!

Du hast sie, die Eigenschaften, die Wärme und Menschlichkeit in unseren Alltag bringen. Du darfst sie großzügig verschenken. Es sind unerschöpfliche Ressourcen. Wenn du folgende Punkte beherzigst, wird sich auch kaum ein Gefühl einstellen, dass dein Nett- und Lieb-Sein mit einem Makel behaftet ist.

Entscheide bewusst und tu es bedingungslos - mache keinen Deal daraus Klick um zu Tweeten

Du entscheidest, ob du guten Gewissens gerade die nette Geste oder Handlung leisten kannst. Du achtest auf deine Zeit und Energie. Sobald du inneren Widerstand spüren solltest, schau hin, woher dieser Widerstand kommt, er ist nicht ohne Grund da. Kläre, ob es darum geht dass deine persönlichen Grenzen oder Werte nicht gewahrt würden.

Oder hast du das Gefühl, es aus Pflichtbewusstsein tun zu müssen? Fühlst du dich moralisch zu der Handlung erpresst? Dann steige aus dieser Falle aus!  Mache es erst sobald du sagen kannst, du tust es ohne etwas dafür zu erwarten und du hast ein gutes Gefühl dabei.

Falls du zu denjenigen gehörst, die immer für andere da waren und gerne helfen und sich deine Mitmenschen schon daran gewöhnt haben, dass du immer ja sagst, wird die Umstellung am Anfang wahrscheinlich schwer.

Dein Umfeld wird sich anpassen

Vertraue jedoch darauf, dass sich dein Umfeld schnell umgewöhnen kann. Je öfter du eine klare Entscheidung fällst, desto schneller wird sich dein Umfeld gewöhnen. Oft genug wirst du dich reinen Gewissens dafür entscheiden, zu unterstützen, zu helfen und nett zu sein.  Du zeigst also nach wie vor deine Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft.

Wenn du dich jedoch in einzelnen Situationen bewusst dagegen entscheidest, weil es dein inneres Gleichgewicht gefährden würde, zeigt dies deinem Umfeld, dass du völlig bei dir bist. Dass du die Situation klar betrachtest und eine erwachsene Entscheidung triffst und deine Grenzen wahrst.

Wenn du dich änderst, wird sich dein Umfeld anpassen Klick um zu Tweeten

Du erweckst dadurch sicher nicht den Eindruck eines Menschen, der kategorisch ausgenutzt werden kann, weil er zu nett ist. Oder der kindlich naiv ist und alles mit sich machen lässt.

Es zeigt, dass du ein Mensch bist, der in jeder Situation eine klare Meinung beziehen kann, für sich einsteht, dabei aber nicht an Menschlichkeit büßen muss.

Lass dich nicht mehr in Deals verstricken

Falls sich in deinem Umfeld jemand partout nicht umgewöhnen kann, d.h. weiterhin von dir erwartet dass du sofort springst, wenn es notwendig ist (du aber gute Gründe dagegen hast), dann ist derjenige selbst in einer ungesunden Erwartungsfalle gefangen. Das ist dann sein Problem, mache es nicht zu deinem!

Du willst keine Deals mehr aufstellen, also lasse dich auch nicht mehr in Deals verstricken. Klick um zu Tweeten

Das Schöne daran seine Mitmenschlichkeit zu verschenken ist, dass einem wieder viel bewusster wird was man alles hat. Es ist so viel da an Positivem, dass man ohne zu verlieren davon abgeben kann. Zudem kommt letztlich alles wieder zu einem zurück – und zwar dann, wenn du es nicht erwartest, auf Wegen, die du dir vorher nicht hättest vorstellen können.

Zum Beispiel dadurch, dass plötzlich andere DICH unterstützen, Wertschätzung DIR gegenüber äußern, Interesse an DIR zeigen. Und stell dir vor, um wie viel schöner sich das alles anfühlt, ohne etwas vorher dafür getan haben zu müssen.

Und stell dir vor, deine Mitmenschen erfahren all die Mitmenschlichkeit von dir, ohne das Gefühl zu haben etwas dafür tun zu müssen. Die Tage der Deals dürften dann schnell gezählt sein.

Mach mit – schenke deinem Umfeld deine Mitmenschlichkeit – bewusst und bedingungslos!

 

Marija Radtke

 

 

Written by 

* Mensch - Life Coach - Unternehmensberaterin - Mutter * Mein beruflicher Weg ist geprägt durch mein Interesse für Menschen und Möglichkeiten, daher führte er über die Hotellerie, Touristik- und Eventbranche in die Unternehmensberatung; immer suchend nach der Möglichkeit Dinge zu verändern, zu verbessern, Potentiale zusammen mit Menschen zu heben und zwar pragmatisch und nützlich. Ich bin Life Coach aus Überzeugung. Durch eigene herausfordernde Lebenserfahrungen und auch Beobachtungen aus Beratungsprojekten gelangte ich zur Erkenntnis, dass sich viele Menschen das Leben unnötig schwerer machen als es ist und oft gar nicht ahnen, welchen Handlungs- und Entscheidungsspielraum sie haben. Daher ist in meiner Arbeit als Coach das zentrale Thema "Der Mensch" und wie er Klarheit über sich, seine Fähigkeiten, Ziele und die für ihn beste Strategie erlangen kann. Jeder kennt diffuse Gefühle. Wer aber nicht über sich, seinen inneren Schatz an Fähigkeiten, seine Werte und Haltung ausreichend Klarheit hat, dem begegnet das Leben überproportional mit -Herausforderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, - dem "falschen" Job, Chef oder Partner, - Konfliktsituationen, - Unsicherheit dabei Entscheidungen zu treffen, - Unsicherheit sich Lebensumbrüchen stellen zu können, - dem Gefühl das es zwar irgendwie läuft aber irgendetwas fehlt. Mein Coaching gilt Menschen, die mutig genug sind zu sich selbst zu stehen und die bewusst die Entscheidung treffen authentisch zu leben. Standort: Erpel

3 thoughts on “Zu nett für diese Welt?

  1. Liebe Marija,
    Danke für diesen tollen und sehr ausführlichen Artikel!

    Ich bin grundsätzlich jemand der anderen gerne hilft. Jedoch bin ich irgendwann dazu über gegangen eine Art „Tit for Tat“-Strategie anzuwenden.

    D.h. ich verfahre wie folgt: Ich bin zuerst einmal nett. Ist der andere auch nett, dann bleibe ich nett. Falls der andere nicht nett ist, bin ich auch nicht mehr nett – zumindest wenn der Andere zu lange „nicht nett“ ist. Ändert der Andere sein Verhalten und wird nett, bin ich auch wieder nett.

    Es geht hier aber nicht um Leistung-Gegenleistung, sondern eher um ein gutes Gefühl, ein gutes Miteinander, um ein Danke oder ähnliches…

    Wichtig ist, dass der Andere weiß, welche „Konsequenzen“ sein Verhalten hat.

    Mit dieser Tit for Tat Strategie versuche ich den richtigen Personen meine Zeit und meine Hilfe zu schenken. Mir hilft es, mich zu schützen und meine begrenzten Ressourcen optimal nutzen. Ich (versuche) aber trotzdem jedem zu Beginn eine Chance zu geben und auch nicht nachtragend zu sein.

    Liebe Grüße! Fabian

    1. Lieber Fabian,
      Du gibst also auf deine Ressourcen acht und es ist dir wichtig mit Menschen zusammen zu sein die Dir grundsätzlich Wertschätzung entgegenbringen. Das ist ganz wunderbar. Ich wünsche dir viele schöne Kontakte mit viel Wertschätzung
      Viele Grüße

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