Wer Mensch sein will muss fühlen

„Du brauchst keine Angst zu haben“, „Mach nicht so ein Theater“, „Heul nicht rum“, „Jetzt komm mal wieder runter“ – schon als Kinder lernen wir: Erwachsene belohnen Fühlen und vor allem den lebhaften Ausdruck von Gefühlen nicht mit positiver Resonanz.

Wir erleben das. Und wir verinnerlichen das, indem wir diese Bewertung übernehmen: Wenn überhaupt fühlen, dann heimlich, still und möglichst leise.

Die vier Grundgefühle

Je nach psychologischer Auffassung lässt sich unsere Gefühlswelt in vier (in manchen Lehren sind es fünf oder gar sechs) Grundgefühle einordnen: Wut, Angst, Trauer, Freude. In der Regel wollen wir eines davon gerne haben – denken wir zumindest – und bewerten die anderen drei als negativ.

Doch alle vier Grundgefühle haben wichtige Funktionen. Wenn wir uns nicht erlauben, sie zu fühlen, gehen uns diese Funktionen und die damit verbundenen Fähigkeiten verloren.

Gefühle sind neutral

Gefühle an sich sind zu allererst neutral; weder gut noch schlecht. Natürlich haben sie destruktive Seiten: Aggression und Rache beim Ärger, Panik, lähmendes Entsetzen bei Angst, Jammern und Selbstmitleid bei Trauer, Oberflächlichkeit und Selbstüberschätzung bei Freude. Diese destruktive Seite kennen wir nur zu gut.

Wir wollen die konstruktive Seite der Gefühle darstellen und nutzen dazu die Archetypenlehre des Schweizer Psychiaters C. G. Jung. (1875 – 1961), des Begründers der analytischen Psychologie.

Der Ärger – der Krieger, die Kriegerin

Die konstruktive Funktion des Ärgers ist Klarheit und Unterscheidungsfähigkeit. Er hilft uns, Entscheidungen zu treffen, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen.  Wenn wir uns von dem Gefühl Ärger abschneiden, dann gehören wir zu den Menschen, die ständig ausgenutzt werden, die nicht wissen, was sie wollen, deren Grenzen nicht respektiert und akzeptiert werden.

Vor allem Frauen trifft das oft, denn während man einem kleinen Jungen seine Wildheit noch  durchgehen lässt, entsprechen wütende Mädchen nicht  dem Idealbild und deshalb lernen früh, was es heißt lieb, nett und angepasst zu sein.

Die Angst – Der Magier, Die Magierin

Was hat nun Angst mit Magie zu tun? Angst ist wohl das Aschenputtel der vier Grundgefühle. Kaum einer will sich zu ihr bekennen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Zahl der Menschen, die als Kind im westlichen Kulturkreis nicht den Satz „Du brauchst keine Angst haben“ hören mussten, verschwindend gering.

Also ehrlich, mir ist es wichtig, dass mein Enkel, wenn er einen Kletterturm hochklettert, Angst fühlt. Denn sie macht ihn achtsam und vorsichtig. Anstatt zu lernen, dass er keine Angst zu haben braucht, was ja impliziert, dass Angst unnötig ist, ist es doch viel sinnvoller, eine andere   Botschaft zu hören: „Du hast Angst, aber das ist kein Problem, denn Du bist mutig und vorsichtig.“

Eine Funktion der Angst ist Achtsamkeit Klick um zu Tweeten

Aber in ihr steckt auch sehr viel Kreativität. Wenn wir nicht weiterwissen, wenn wir in unbekannte Gebiete vorstoßen, dann brauchen wir neue Ideen, neue Visionen. Die holen wir nicht aus unserem der Logik verpflichteten Verstand, sondern aus der Welt der Magie.

Großartige Ideen entstehen nicht beim Grübeln und Hirnen, sondern beim Ausprobieren, Experimentieren und wenn wir uns darauf verlassen, dass wir schon „das Richtige“ sagen oder tun werden, ohne es vorher zu wissen. Dazu braucht es Mut. Und diese spezielle Magie, die mit der Angst vor dem Nichtwissen verknüpft ist.

Die Trauer – Der Liebende, die Liebende

Was Trauer mit Liebe zu tun hat? Alles. Unser Mitgefühl, unsere Fähigkeit, Nähe zuzulassen, unsere Sorge um andere, hat ihre Quelle im Gefühl der Trauer. Wenn wir einmal mit einem Menschen zusammen geweint haben, dann ist die Nähe, die das erschafft unvergleichlich. Warum weinen wir bei Ereignissen wie der Geburt eines Kindes? Weil wir überschwemmt werden von Liebe.

Wir alle haben unsere Wunden und Verletzungen. Wenn wir unsere Trauer mitteilen, wenn wir unsere Tränen mit anderen teilen, dann ist eine fühlbare, süße Verbundenheit im Raum, die ihresgleichen sucht. Aber vor allem Jungs wird die Heulsuse schon früh im Leben ausgetrieben, und die meisten Männer finden nur in sehr extremen Situationen zu ihren Tränen.

Ohne unseren Zugang zur Trauer werden wir zu kalten Maschinen, die wenig Empathie für andere empfinden können.

Die Freude – Der König, die Königin

Ja, sie wollen wir alle: die Freude. Wir wollen glücklich sein. Und diesem Gefühl rennen wir hinterher, konsumieren, was geht und sind uns nicht bewusst, dass wir vor dem Gefühl der Freude genauso fliehen, wie vor den anderen drei. Und das auch noch unbewusst. Denn auch hier sind wir schon früh geprägt.

Es gibt unzählige Sprichworte, die uns vor der Freude warnen: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, „Freu‘ dich nicht zu früh“, „Glück und Glas, wie leicht bricht das?“

Glaubt nicht, dass solche „Weisheiten“ keine Spuren in uns hinterlassen. Sie prägen unser Denken und Handeln. Was macht denn ein Kind, das voller Freude ist? Es hüpft herum, es lacht laut, es singt, jubelt, schreit –  das verkraften Erwachsene nur eine gewisse Zeit lang und beenden dann das, was sie als „Zirkus“ empfinden: „Jetzt hör endlich auf zu spinnen.“

Wenn wir uns wirklich erlauben würden glücklich zu sein, dann wären wir es! Klick um zu Tweeten

Genauso, wie wir uns von den anderen drei Gefühlen abschneiden, haben wir die Tendenz, uns unsere Freude zu versagen. Sie ist übrigens deshalb mit dem Archetyp des Königs verbunden, weil die Funktion von Freude ist, andere zu segnen, sie mit ihnen zu teilen, und danach zu streben, „das Volk“ glücklich zu machen. Etwas, das wir selten genug tun.

Nicht wegrennen, sondern nutzen

Vor welchem Gefühl auch immer wir mehr oder weniger davonlaufen: Wir verlieren damit auch die konstruktive Funktion dieses Gefühls. Anstatt unsere Energie dafür aufzuwenden, unsere Gefühle zu verdrängen, sollten wir uns lieber auf den Weg machen, zu lernen, sie zu fühlen und zu nutzen. Oft ist das schwerer, als wir denken.

Ich hatte überhaupt keinen Zugang zu meinem Ärger. Niemals hätte ich mir erlaubt „Nein“ zu sagen. Ehrlich. Und auch wenn es schwer zu glauben ist: Bis ich 24 war, habe ich nicht ein einziges Mal laut gebrüllt. Überhaupt zu entdecken, dass in mir ein Vulkan aus Ärger schlummert, war mir ohne Unterstützung nicht möglich.

Übung macht den Fühlen-Meister

Es ist heute, 20 Jahre nachdem ich meine Wut kennenlernen durfte, manchmal immer noch nicht leicht für mich, sie zu äußern, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Aber ich habe sie zur Verfügung, wenn ich mich erinnere und mich für sie entscheide. Ich habe Klarheit, Stärke und Unterscheidungsfähigkeit.

Auch wenn die Kriegerin nicht meine beste Freundin ist, so habe ich sie zur Verfügung, wenn ich sie brauche. Und genauso ist es mit den anderen Gefühlen. Ich muss sie üben, mich bewusst verbinden, achtsam in meinen Körper spüren – da sind sie nämlich zuhause.

Lasst unsere Kinder fühlen

Während wir uns unsere Gefühle wieder bewusst zurückerobern müssen, weil unser natürlicher Zugang dazu unterbrochen wurde, haben wir die Chance, es bei unseren Kindern anders zu machen. Lassen wir sie fühlen. Lassen wir sie ihre Wut ausdrücken, schreiben, toben (wir müssen nur darauf achtgeben, dass sie sich nicht verletzen), lassen wir sie verzweifelt in unseren Armen weinen, lassen wir sie erleben wie spannend es ist, Dinge zu tun, die uns ängstigen, genießen wir ihre laute Freude.

Lassen wir unsere Kinder fühlen, damit sie Menschen sein dürfen.

 

 

Written by 

Ich bin Trainerin und Therapeutin. Vor vier Jahren habe ich die Pelekanos Akademie zusammen mit meiner Kollegin und guten Freundin Christine Obermüller gegründet. Die Akademie ist nach dem Vogel Pelikan benannt. Als Kraftier steht er für Mitgefühl, Nächstenliebe und ist ein "Helfer in der Not". Mein Schwerpunkt in der Arbeit liegt auf der Therapiemethode Essence Recovery, mit der ich Dich zu deinem wahren Kern führe, an den Ort tief in dir, an dem Du deiner Weisheit deinem grundlegendem Gut-Sein und deiner Sehnsucht begegnen kann.Gemeinsam mit meinem Mann Matthias unterstütze ich Paare darin ihre kleinen oder auch großen Beziehungskrisen dafür zu nutzen, aneinander zu wachsen und eine Beziehung zu leben, die geprägt ist von Wertschätzung, Akzeptanz und Zuneigung. Standort: Forchtenberg

9 thoughts on “Wer Mensch sein will muss fühlen

  1. Liebe Dee Stolla,

    auch ich unterstütze Paare in ähnlicher Weise, wie du es tust. Dein Artikel ist ermutigend, wahr und gut lesbar und doch so schwer in der wirklichen Umsetzung für uns alle.
    Würdest du nach Lesen deines Beitrages Menschen befragen, bin ich sicher, die meisten würden dir zustimmen und noch lieber gleich alles selbst so umsetzen können.
    Ich möchte deinen Worten ergänzen, wie wichtig jeder noch so kleine Schritt zu sich selbst ist und wie wertvoll jede kleinste Bemühung dahin. Den Stolz zu sehen, den Klienten plötzlich aussenden, wenn sie näher an ihrer Seite sind, ist für mich immer wieder das allergrößte Erlebnis. Kurz um, danke dir für deinen Mutmacher . Allen, die mehr sich selbst und damit andere fühlen wollen von Herzen Mut und Liebe für sich. Es lohnt sich!
    Herzliche Grüße aus Berlin von Antje ( Radünz Coaching )

    1. Liebe Antje,

      Danke für deine Worte. Ja, es klingt so leicht und manchmal ist es doch so schwer. Jahrelange Konditionierung auf „Nicht-Fühlen“ lässt sich nicht mal eben ummodeln. Ich liebe es auch, wenn meine Klienten plötzlich „Nein“ sagen, ihren Ärger äußern und dann über sich selbst erschrecken und dennoch diesen Stolz und das Strahlen in ihnen ist. Oder wenn Klienten anfangen in meiner Praxis zu weinen, und sich dafür entschuldigen und ich ihnen lächelnd die bereitstehenden Tempos hinhalte und einfach sage: „Danke, genau darum geht es hier. “ Jede geweinte Träne ist wie ein Erfolg für mich und für meine Klienten auch. Tiefe Gefühle sind für mich das, was uns als Menschen ausmacht.

      Gruß

      Dee

  2. Liebe Dee,

    ein wunderbarer und sehr berührender Artikel.
    Du weckst damit das Bewusstsein für unsere Gefühle und nimmst die Bewertungen.
    Für mich als Beraterin und Therapeutin alltägliche Themen in der Praxis, daher weiß ich, wie wichtig das ist.
    Dankeschön dafür.
    Herzlichste Grüße
    Stefanie

    1. Liebe Stefanie,

      Danke für dein Feedback. Ja, die Bewertung ist manchmal wirklich heftig. Wenn ich jemanden frage: Wie fühlst du dich? Dann kommt als Antowort „Schlecht“ – und schlecht kann heißen, ich bin traurig, ich hab Angst, ich bin wütend. Wir lassen unsere Klienten ihre Gefühle immer auf eines dieser vier Grundgefühle reduzieren und in 99% der Fälle fühlen sie das, welches ihnen von den vieren gerade nicht einfällt.

      Liebe Grüße

      Dee

  3. Liebe Dee,
    Ich stimme Dir von Herzen zu.
    Das Nicht-Aushalten-Können der Gefühle anderer, die große Angst vor den eigenen vergrabenen Emotionen, die Abwehr all dessen, was eventuell berührt und hochkommen könnte, hindert so sehr einfach nur für den Anderen da zu sein. Bei und mit ihm oder ihr zu sein. Einen echten Kontakt zu wagen.
    Gerade im Kontakt mit Kindern und ihrem klareren Gefühlsausdruck (wenn sie es noch nicht weggedrückt haben) ist das die Riesenchance wieder selbst ins Fühlen zu kommen und sein Herz zu öffnen für eine tiefere Begegnung.

    Ganz herzlich Grüße
    Petra Michaela

    1. Liebe Petra,

      Danke für deine Rückmeldung. Ja, unsere Kinder geben uns eine einmalige Chance. Bei meiner Tochter fiel es mir noch schwer. Ich konnte ihre Traurigkeit nicht aushalten und fühlte mich schuldig, weil ich immer dachte, ich muss dafür sorgen, dass sie glücklich ist. Als sie größer war hat sie mir mal gesagt, wie stressig das für sie war: Immer glücklich sein zu müssen, nur damit ich mich als „gute“ Mutter fühle.
      Interessanterweise ist es mit meinem Enkel ganz anders. Ich kann mit ihm und seinen Gefühlen sein. Und das tolle es: Selbst der tiefste Schmerz und der größte Zorn ist ganz schnell vorbei, wenn er einfach „sein“ darf.

      Liebe Grüße

      Dee

  4. Liebe Dee,

    wie ich mich gleich in deinem Artikel wiedergefunden habe… Ganz toll und gefühlvoll geschrieben. Ich kenne in der Tat einen Vertreter von 5 und sogar eine von 6 Gefühlsunterscheidungen. Finde aber keineswegs hier etwas verloren. Es liest sich alles stimmig und vollständig. Wenn nur die Umsetzung für viele etwas einfacher wäre. Als Stress- und Burnoutberaterin in der Ausbildung verzweifle ich manchmal (noch) fast, dem Klienten dies angemessen zu verklickern. Es ist aber auch leicht, auf der „richtigen/einfachen“ Seite zu stehen.

    Herzensgrüße zu dir.

    1. Liebe Susanne,

      Danke für deine Rückmeldung. Ja, ich weiß, dass „Scham und Ekel“ in einigen Lehren als Gefühle gelten. Aber für mich persönlich sind das eher Reaktionen auf Gedanken…
      Mit unseren Klienten machen wir immer das Auschlussverfahren. Das heißt wir Fragen: „Was fühlst Du? / Hast Du gefühlt?“ und nennen ihnen die vier Grundgefühle. Dann sagen sie, was es nicht war….. Das wirklcih intersannte ist, dass das Gefühl, das sie wirklich fühlen „vergessen“ haben, wenn sie also die Gefühle aufzählen kommen sie immer nur auf drei…. und dann ist klar, dass es das 4. (vergessene) ist….
      Und oft fällt es Menschen schwer, nicht zu mischen und sich festzulegen. Das ist das coole, wenn du mit „nur“ vier Gefühlen arbeitest – es gibt nicht so viel „Spielraum“.
      Und wie gesagt: Ich denke wir müssen „üben“ um fühlende Wesen zu werden.
      Liebe Grüße und viel Erfolg mit deinem Blog.

      Dee

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