Die magische Kunst des Zuhörens

Ich sitze auf meiner Insel. Es ist warm und sonnig. Ich sitze im weißen Sand, hinter mir die Palmen, und mein Blick geht hinaus aufs offene Meer. Die Wellen sind sanft und regelmäßig, und meine Zehen graben sich in den weichen, feinen Sand, der wie Samt meine Füße umschmeichelt. Ich atme tief, mein Körper ist ruhig, ein sanftes Lächeln liegt auf meinem Gesicht, und ich bin so dankbar für diesen vollkommenen Moment. Ich könnte ewig hier so sitzen, aber ich weiß, Du wartest auf mich.

Du nimmst Schönheit nicht wahr

Langsam erscheinst Du am anderen Ende des Strands. Da sitzt Du und starrst mit traurigem Blick ins Leere. Du kannst die Schönheit des Meeres nicht sehen, den sanften Wind nicht spüren und in Deinen schicken Schuhen den Sand nicht fühlen. Deine Schultern hängen herab, Du hältst Deine Knie fest umschlungen, Dein Gesicht wirkt hart und verkrampft.

Perfekt trainiertes Lächeln

Ich erhebe mich langsam und gehe auf Dich zu. Deine Haare sind modisch frisiert, das Gesicht leicht geschminkt. Du siehst sehr hübsch aus, hast eine gute Figur, richtig durchtrainiert. Deine Kleidung ist sportlich, elegant, sie sitzt, Deine Fingernägel sind manikürt. Ein perfektes Erscheinungsbild. Sobald Du mich siehst, setzt Du ein perfekt trainiertes Lächeln auf. Ich lächle nicht zurück.

Ich sehe die dunklen Schatten unter Deinen Augen, die Müdigkeit in Deinem Blick. Ich spüre den leichten Stich des Bedauerns in meinem Herzen. Ich atme tief, blicke innerlich kurz nach oben, bitte Gott darum, dass ich nützlich für Dich sein kann.

Schweigen kann die Brücke sein

Langsam setze ich mich neben Dich. Ich sage nichts, spreche nicht, schaue Dich nicht an. Ich blicke aufs Meer hinaus und stimme mich ein in das Spiel der Wellen. Irgendwann blickst Du mich von der Seite an und fragst mich: „Wer bist Du?“ „Ich bin Dee“, sage ich und Du nennst mir Deinen Namen. Dein Lächeln entkrampft sich nur langsam. „Was führt Dich zu mir“, frage ich.

Es dauert einen Moment, Du musst erst gegen Deine Tränen ankämpfen, die sich so gerne einen Weg nach draußen bahnen würden. Aber das erlaubst Du ihnen schon lange nicht mehr. „Mir geht es eigentlich gut“, sagst Du und schilderst mir Dein Leben. Studium, verheiratet, zwei Mädchen, gutverdienender Mann, eigenes Haus, aktiv in Elternbeirat und Verein. „Mir müsste es gut gehen“, sagst Du. „Müsste?“, frage ich.

Die Fassade bröckelt

Ich sehe Dein Ringen mit dir selbst. „Ist doch alles Scheiße“, platzt es plötzlich aus dir heraus. Ich frage nicht weiter nach, warte ab. Und dann geht es los, der Damm bricht. Du beginnst zu erzählen. Dass Du dich gerade wieder mit Deinem Mann gestritten hast, wie so oft in letzter Zeit. Eigentlich geht es immer um das gleiche. Immer bleibt alles an dir hängen, er tut gar nichts. Du weißt manchmal gar nicht, wo dir der Kopf steht.

Vier und zwei Jahre alt sind Eure Mädchen, sehr aufgeweckt, intelligent. Beide gehen in die Kita, damit Du halbtags wieder arbeiten kannst. Schließlich soll das BWL-Studium nicht umsonst gewesen sein. Dein Stresspegel ist enorm. Job, Kinder, Haushalt, das Engagement im Elternbeirat, regelmäßig Fitnessstudio. Dein Tag ist ausgefüllt. Der Erwartungsdruck immens.

Der Schein trügt

„Eigentlich ist mein Leben so, wie ich es mir immer vorgestellt habe“, sagst Du mir. Aber der Schein der heilen Familie trügt. Dein Mann arbeitet immer länger und zieht sich zurück, interessiert sich gar nicht mehr für Dich. Langsam redest Du dich in Rage. Du schimpfst über Deinen Mann, der bei einer großen Firma gerade zur Führungskraft aufgestiegen ist. „Er hat nur noch seinen Job im Kopf und macht sowieso, was er will“, schimpfst Du. Langsam kommt Farbe in Dein Gesicht.

Gewissensbisse

„Ich will doch nur mal wieder ausschlafen“, sagst Du „und dass er mir mal am Wochenende die Kinder abnimmt“. Kaum ausgesprochen, errötest Du, Dein schlechtes Gewissen ist dir deutlich anzusehen. „Manchmal“, gestehst Du mir verlegen, „bin ich richtig gemein zu meinen Kindern“. Du kannst mir gar nicht in die Augen sehen, Deine Stimme ist nur noch ein Flüstern. Du schluckst schwer, um die Tränen zurückzuhalten.

Dabei wolltest Du nie so sein. So ungeduldig, so aggressiv. Du wolltest eine liebevolle, aufmerksame Mutter sein, die ihren Kindern alles gibt. Du hast so viele Bücher zu dem Thema gelesen, warst im Pekip-Kurs und hast sogar ein Seminar zur bewussten Kindererziehung besucht. „Aber manchmal“, sagst Du noch verschämter, „höre ich mich an wie meine Mutter“.

Die Lüge von der schönen Kindheit

„Ich hatte eine tolle Kindheit“, korrigierst Du dich sofort erschrocken. Wieder blitzt in Deinen Augen das schlechte Gewissen auf. „Das ist schön“, könnte ich einfach sagen und dir ein paar Tipps mitgeben, wie Du mit Deinem Mann besser kommunizieren kannst, was Du brauchst und wie Du besser mit Deinen Ressourcen umgehst. Ich blicke wieder aufs Meer hinaus und ringe mit mir. Du fängst an, Dich wieder etwas zu entspannen und folgst meinem Blick.

Leistungsdruck

Wir blicken beide schweigend aufs Meer. „Warum sagst Du eigentlich nichts“, fragst Du mich. „Ich höre zu“, sage ich, und Du nutzt die Chance. Du erzählst, wie Du dich schon immer anstrengen musstest. Wie wichtig Deinen Eltern ein guter Schulabschluss war, wie Du ganz schnell durch das duale Studium gekommen bist. Du erzählst mir von all den Seminaren, die Du besuchst hast und welche Programme Du gemacht hast, damit Du dem Bild der starken Frau entsprechen konntest. „Das Leben ist so anstrengend“, sagst Du.

Endlich fließen Tränen. „Ich versuche ständig, jemand zu sein, der ich gar nicht bin“, sagst Du, „und ich renne und renne und renne“. Du weißt gar nicht, wer Du wirklich bist, wird dir plötzlich klar, und die Tränen beginnen zu fließen. Es sind die Schluchzer Deines tiefen Schmerzes darüber, nicht sein zu können, wer Du wirklich bist. Und gleichzeitig sind es die süßen Tränen der Berührbarkeit, die wir spüren, wenn uns Wahrhaftigkeit begegnet.

Das Wunder der Erkenntnis

Du weinst lange, und ich höre weiter Deinen Schluchzern zu. „Es tut so gut zu weinen“, stellst du erstaunt fest. Und in Deinem vom Weinen verquollenen Gesicht erstrahlt ein wahrhaftiges Lächeln. „Ich habe heute Dinge über mich erkannt, die ich nicht einmal erahnt hätte“, sagst Du verblüfft. „Wie hast Du das gemacht“, fragst Du mich. „Ich habe zugehört“, sage ich und lächle.

 

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Ich bin Trainerin und Therapeutin. Vor vier Jahren habe ich die Pelekanos Akademie zusammen mit meiner Kollegin und guten Freundin Christine Obermüller gegründet. Die Akademie ist nach dem Vogel Pelikan benannt. Als Kraftier steht er für Mitgefühl, Nächstenliebe und ist ein "Helfer in der Not". Mein Schwerpunkt in der Arbeit liegt auf der Therapiemethode Essence Recovery, mit der ich Dich zu deinem wahren Kern führe, an den Ort tief in dir, an dem Du deiner Weisheit deinem grundlegendem Gut-Sein und deiner Sehnsucht begegnen kann.Gemeinsam mit meinem Mann Matthias unterstütze ich Paare darin ihre kleinen oder auch großen Beziehungskrisen dafür zu nutzen, aneinander zu wachsen und eine Beziehung zu leben, die geprägt ist von Wertschätzung, Akzeptanz und Zuneigung. Standort: Forchtenberg

2 thoughts on “Die magische Kunst des Zuhörens

    1. Lieber Lothar,

      vielen Dank. Ja Zuhören ist eine wunderbare Sache. Das hat uns schon Momo gezeigt. Vor allem das sogenannte „dienende Zuhören“ bei dem es nicht darum geht, das ich etwas bewerte, keine Ratschläge gebe, letztendlich muss ich es nicht mal mit meinem Verstand verstehen…. Vielleicht schreib ich noch einen extra Artikel darüber, wie es geht…..

      Danke für deinen Kommentar. Es der erste Kommentar, den ich auf einen blog Artikel bekomme und wird deshalb für immer etwas ganz besonderees sein…..

      Liebe Grüße

      Dee

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